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Leon, der Mondstrahlrutscher und Lia mit den goldenen Händen Mein lieber Leonard, Da liege ich, die jetzt eigentlich auf der Bühne im Theater herumtanzen sollte, mit einem gebrochenen Fuß auf dem Sofa und bin traurig, weil es vorerst mit dem Herumtanzen nichts mehr ist. Aber wenn ich an die Geschichte von dem kleinen Elfen Leon denke, vergesse ich meine Schmerzen, denn für einen Elfen ist das ja noch viel schlimmer, wenn er nicht mehr tanzen und springen kann. Du kennst die Geschichte von Leon noch gar nicht? Dann will ich sie Dir erzählen. Ich habe ja jetzt viel Zeit hier auf meinem Sofa mit meinem Gipsbein. Also: Der Elf Leon, der schon viel von der Welt gesehen hat, denn er ist immerhin 269 Jahre alt (aber immer noch ein ganz junger Elf, wenn man bedenkt, wie alt Elfen werden können), also: der Elf Leon war an einem Abend, als der Vollmond am Himmel stand, plötzlich auf der kleinen Insel im Maunzenweiher aufgetaucht. Der Maunzenweiheroberelf, der gerade den ganz jungen Elfen zeigte, wie man den Reigen tanzt und den etwas älteren, wie man die Tautropfen an die Gräser hängt, war erstaunt, denn schon lange war kein fremder Elf mehr in die Wälder um Frankfurt gekommen. Frankfurt ist eine große Stadt mit enorm hohen Häusern, von denen manche höher sind als die Wolken, und die Nebelelfen, die sich manchmal von den Wolken mitnehmen lassen, könnten Dir da einiges erzählen! Jedenfalls ist Frankfurt, wenn es auch an einem Fluß liegt, dem Main, nicht gerade sehr anziehend für Elfen, die Blumen, Wälder, klare Quellen, die Tiere und die freie Natur lieben, sodaß die Elfen im Stadtwald von Frankfurt nicht eben oft Besuch von außerhalb bekommen. Der Oberelf, der ein bisschen dick war und eher einem Nachtfalter ähnelte mit seinem runden Kahlkopf und den gefleckten, braungrauen Flügeln, die ihm tatsächlich ein Nachtfalter geschenkt hatte, der Oberelf ließ den Tautropfen, den er gerade gefasst hatte, platsch - die Elfe Lia wurde nass von Kopf bis Fuß - vor Überraschung fallen, alle Elfen kicherten, lachten, sie schlugen Purzelbäume vor Vergnügen, sprangen hoch in die Luft und zappelten mit den Füßen, wälzten sich im Gras, hüpften auf einem Bein, drehten sich wie Spindeln, tanzten wild herum,
es war ein Elfenlärm! Und lustig anzuschauen, denn nicht alle Elfen sind so schön und fein wie Leon mit seinen langen blauen Locken oder Lia, die fast durchsichtig war und deren weiße Haare normalerweise wie ein ganz zarter, weißer Federbusch um ihren Kopf standen (jetzt lagen sie wie hellgraue, nasse Wolle um ihr Gesicht, aber sie war immer noch hübsch, jedenfalls hübsch nass). Es gibt ja Elfen an allen möglichen und manchmal auch beinahe unmöglichen Orten, und man bekommt sie so selten zu sehen, weil sie mit der Zeit den Wesen oder Dingen, um die sie sich kümmern, immer ähnlicher werden. Da gibt es Gartenelfen, die fast aussehen wie eine Bohne oder ein Kieselstein, eine Erdbeere, eine grüne Raupe, ein Kürbis oder ein Blütenblatt, Waldelfen, die Spinnweben, Farnen, Eicheln oder Bucheckern gleichen, solche, die Pilzhüte tragen, Fliegenflügel oder einen gelbbraunen Bienenpelz. Wenn Du ein Wollgrasflöckchen über eine Wiese fliegen siehst, könnte das immer eine Elfe sein, denn obwohl Elfen Nachtwesen sind, trägt sie der Wind manchmal am Tag mit sich fort, wenn sie ganz fest schlafen. Und wenn sie dann am Abend aufwachen, sind sie sehr erstaunt und können sich gar nicht erinnern, wie sie an diesen fremden Ort gekommen sind.
Aber der Wind ist ein Elfenfreund, der sich nur manchmal einen kleinen Spaß erlaubt. Wenn sich die Elfen die Augen reiben und gerade ein bisschen ängstlich werden, lacht er leise, hebt sie auf und trägt sie sanft zurück. Auf der kleinen Insel im Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald hatte also der dicke Oberelf vor Überraschung gerade den Tautropfen auf den Kopf der Elfe Lia fallen lassen, platsch, weil der blaulockige Leon plötzlich auf einem Mondstrahl angerutscht kam und fast auf seinem Kopf gelandet wäre. Mondstrahlrutschen ist für Elfen so ähnlich wie für Kinder Treppengeländerrutschen. Leon hatte sich, als er am Ende seiner Reise angelangt war - eigentlich hatte er kein bestimmtes Ziel, aber vom Ufer des Weihers aus hatte er einen weißen Federhaarschopf gesehen und beschlossen, dazubleiben - Leon hatte sich an einem kräftigen Spinnwebfaden auf die nächste Buche geschwungen, sich rittlings auf einen Mondstrahl gesetzt, der mitten im Tanzkreis endete und war losgesaust. Der Mondstrahl war besonders glatt, sein Hosenboden vom vielen Rutschen auch (Mondstrahlrutschen war sein Lieblingssport), außerdem waren die Hosen aus Bienenwachs gefertigt - Du weißt ja, daß man auf frischgewachsten Böden fast so gut schlittern kann, wie auf Eis - also, Leon bekam einen ungeheuren Schwung. Als erfahrener Mondstrahlrutscher hätte er natürlich rechtzeitig abgebremst, aber gerade als er bremsen wollte, ein paar Meter über der Insel im Maunzenweiher, wo der kahlköpfige Oberelf Elfenschule hielt, gerade da schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond. Der Mondstrahl verschwand, Leon fiel, plumps, fast auf den Oberelf, der, platsch, seinen Tautropfen auf die Elfe Lia mit dem Federhaar fallen ließ, woraufhin alle Elfen in Gelächter ausbrachen. Und was war mit Leon,
dem blauhaarigen Mondstrahlrutscher? Leon mit der Blütenstaubjacke
und der Bienenwachshose? Leon, dem Wanderelf, der vom Blautopf
bis zum Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald gekommen war? Leon, dem
Sucher, der einen weißen Federhaarbusch gesehen hatte (der jetzt
freilich wie graue Wolle aussah)? Leon, dem Elfenprinzen, denn das war
er!? Elfen kennen keine Krankheiten, wie wir. Natürlich werden sie schwach und immer durchsichtiger und lösen sich schließlich ganz auf, wenn die Menschen gar nicht mehr an sie denken. Und jedesmal, wenn ein Erwachsener sagt: „Elfen sind Quatsch!" oder etwas Ähnliches, vergeht ein Elf. Aber da immer ein Elfenkind entsteht, wenn ein Menschenkind zum ersten Mal lacht, werden wir wohl immer genug Elfen haben. Und Du wirst ja wohl nie zu den Elfenquatsch-Erwachsenen gehören, denn Du weißt es besser und wirst es nicht vergessen. Leon, dem gerade vor Schmerzen die Luft wegblieb, war außerdem so überrascht, daß er nicht einmal "au" sagte. Er hatte sich schon manchmal gestoßen, hatte mit Zwergen, die sehr stark und nicht immer freundlich sind, gerauft und blaue Flecken bekommen, aber das war nichts im Vergleich mit dem Schmerz, der jetzt in seinem Fuß war; dem Fuß, eingeklemmt in einer Erdspalte, die fast aussah, wie der Mund von einem schwarzen Olch. Und wenn das keine Erdspalte war, sondern ein Olchsmaul, dann konnte ihm jetzt nur ein Mondstrahl helfen, denn Mondlicht lähmt die Olche, wie alles Licht, weshalb sie in der Erde wohnen und nur manchmal hervorkommen, wenn gerade alles dunkel ist. Und gerade da segelte die kleine schwarze Wolke weiter, Leon konnte einen Mondstrahl fangen, ihn in das Loch stecken und seinen Fuß mit einem Ruck befreien. Aber wie sah der aus! Die Elfenkinder, die gerade noch durcheinandergerollt waren, hörten auf zu kichern, Lia vergaß, daß sie ganz nass war und aussah, wie graue Wolle ( sie war eine etwas eitle Elfe, die sich gerne im Wasserspiegel betrachtete ), der Oberelf ruderte mit den Armen durch die Luft und fand dann die Sprache wieder, wenn ihm auch nichts besseres einfiel als zu fragen: „Dir ist doch nichts passiert?" Leon, der sich ein paar Tränen abschüttelte (Elfentränen sind wie ganz zarte, kleine Perlen) , Leon versuchte aufzustehen, aber er setzte sich gleich wieder hin, diesmal aber auf einen Pilz, der dort gewachsen war, wo die Elfen vorher getanzt hatten. " Doch!" sagte er nur und besah sich seinen Fuß, der, sonst zart und weiß wie Elfenbein, nun dick und krumm und fast so blau war wie sein Haar. Die Elfe Lia Federhaar, die man jetzt gerade Wollhaar hätte nennen müssen, fragte nicht lange, sondern füllte eine hohle Eichel mit Tau, in den sie ein wenig Schmetterlingsflügelstaub, Arnikablütenpulver und Kristallpuder gemischt hatte, Arzeneien, die die Tauelfe Lia aus einem Silberbeutelchen, das ihr an der Seite hing, mit ihren zarten, goldenen Fingern hervorholte. Goldene Hände sind selbst bei Elfen sehr selten, bei den Menschen findet man sie gar nicht mehr. Oder wir haben vielleicht nicht mehr die Augen, sie zu sehen. Goldene Hände haben die wunderbare Eigenschaft, welches Wesen sie auch berühren, froh zu machen. Sie heilen die Schmerzen der Seele und oft auch die des Körpers. Wenn eine Tauelfe mit goldenen Händen die Tropfen an Blumen, Büsche, Bäume, ja sogar Bänke hängt, fangen die an zu duften und zu leuchten, und auf die Bänke setzen sich die Liebespaare, junge und alte, besonders gern. Die Kinder, die durch die Büsche streifen und dabei ein wenig nass werden, fangen an zu singen und bekommen rote Backen, und wer einen solchen Tautropfen trinkt, der wird fröhlich. Dieser Tau ist übrigens das Lieblingsgetränk der Schmetterlinge, die ganz genau unterscheiden können, ob es sich um normalen oder goldenen Tau handelt. Lia trug also mit ihren goldenen Händen die hohle Eichel zu dem fremden blauhaarigen Elf, der da plötzlich vom Himmel gefallen war, nahm vorsichtig den verletzten Fuß und steckte ihn in die Eichel mit dem Heiltau. Leon fühlte sich gleich wieder besser, er vergaß seine Schmerzen und mußte lachen, denn er erinnerte sich jetzt an das erstaunte Gesicht des Oberelfs und wie der - platsch - den Tautropfen auf das Federhaar der goldhändigen Elfe hatte fallen lassen, sodaß ihr die Haare jetzt wie graue Wolle um den Kopf lagen. Alle Elfen drumherum fingen auch wieder an zu lachen, bis auf den Oberelf, der in den 1327 Jahren, die er nun Oberelf war, so manches gesehen hatte. Er wußte, wer ihm da mitten in den Reigen geplumpst war, denn die Blauelfen waren berühmt und vornehm, und Elfenkönig konnte nur ein Blauelf werden. Der Oberelf nahm sich also zusammen, verneigte sich und wollte gerade zu einer großen Begrüßungsrede ansetzen, als Leon sagte: "Gute Nacht!" ( Elfen sagen natürlich nicht "Guten Tag", denn es sind ja Nachtwesen ) "Ich bin Leon, ein Wanderelf. Aber mit dem Wandern scheint es vorerst vorbei zu sein." Damit zog er seinen Fuß, den Linken, aus der hohlen Eichel und sah ihn sich an. Und wenn er noch gezweifelt hatte, ob er mit dem Fuß in ein Olchsmaul, oder in eine Erdspalte geraten war, so war nun kein Zweifel mehr möglich. Zwar hatte der Heiltau soweit geholfen, daß der Fuß nicht mehr krumm, dick und blau war, er war wieder zart und gerade, aber da, wo die Olchskiefer zugeschnappt hatten, war er ganz schwarz, und wo die Olchszähne die Haut durchbohrt hatten, waren hässliche, schwarze Löcher. Nun weiß jeder Elf, daß Olchswunden, wenn sie nicht schnell geheilt werden, sich ausbreiten. Erst schwärzt sich die ganze Haut um die Wunde herum, die sich bald schließt und ihre bösen Säfte nun durch den ganzen Elfenkörper schickt. Der Bauch bläht sich auf. Die zarten Gliedmaßen werden plump, schwarz und dick. Zum Schluß verändert sich der Kopf. Der Mund zieht sich in die Breite. Scharfe, schwarze Zähne wachsen. Die Haare fallen aus. Und schließlich vertragen die Augen kein Licht mehr, und der arme Olch-Elf muß sich unter die Erde verkriechen. Und da kein Licht mehr ins Herz fällt, wird auch das langsam schwarz. Und wenn das Herz ganz schwarz ist, ist aus dem Elf ein Olch geworden. Ein böser Olch. Diese Verwandlung endet mit dem nächsten Vollmond. Nun weißt du, wie lange Zeit dem armen Leon bleibt. Aber Leon war weder erschrocken noch traurig, und das kam sicher daher, daß Lia mit den goldenen Händen und dem nassen Federhaar, das langsam trocknete und sich wieder aufstellte, nun seine Hand hielt. Die anderen Elfen sahen erschrocken nach dem Himmel, aber da war keine Wolke mehr weit und breit, der olchlähmende Vollmond stand freundlich am Himmel. - Seit Elfengedenken war kein Olch mehr gesehen worden, und die Elfenkinder hatten heimlich gedacht, Olche gehörten in die Sagenwelt (wie feuerspeiende Drachen), wenn die Oberelfen sie ermahnt hatten, vorsichtig zu sein und nie ohne ein kleines Licht in dunkle Höhlen zu kriechen. Die Zwerge haben auch immer ihre Laternen dabei, wenn sie in ihre Bergwerke steigen, um Erze und Edelsteine aus dem Fels zu schlagen. Und nicht nur, weil es da unten dunkel ist . Nun riefen die Elfen nach den Leuchtkäfern und Glühwürmchen, denn mit Tanz und Tau war's nichts mehr, und der Oberelf, dessen Flügel erregt flatterten, scheuchte sie alle davon und ermahnte sie, nach Hause zu eilen, und nicht etwa mit nächtlichen Wanderern Schabernack zu treiben, seien es Igel, Mäuse, Füchse, Katzen oder Menschen.
Elfen haben wunderbare Wohnungen. Manche wohnen in einer Blume, andere in hohlen Bäumen, wieder andere in herrlichen Seidenzelten, die sie immer da aufschlagen, wo es ihnen am besten gefällt. Sie haben Hängematten aus feinsten Goldfäden, die sie in die Büsche hängen, wo sie sich vom Wind schaukeln lassen, im Herbst suchen sie sich manchmal eine Wohnung in einem Apfel oder einer Nuss, sie leben zuweilen in verlassenen Schneckenhäusern oder Vogelnestern, in Kinderzimmerlampen, Geigen, Muscheln, Glaskugeln, Uhren und bleiben da, solange sie mögen. Aber natürlich hat jede Familie - und Elfenfamilien sind oft sehr groß - ein Heim zum Ausruhen im Winter, bei Sturm, Regen und Tag. Da gibt es wahre Paläste in den Felsen, die da so grau und unscheinbar im Wald liegen und deren Türen Menschenaugen nicht erkennen können. In beinahe jeder alten Eiche, Buche oder Linde ist eine große Elfenwohnung, mancher Grashügel verbirgt ein Elfenschloss, und hinter den meisten Wasserfällen kannst du Elfenlichter glitzern sehen. Und zu diesen Wohnungen eilten nun die Elfenkinder, um von dem Olch zu erzählen und was dem Blauelfen geschehen war. Der Oberelf war inzwischen zu einer Windharfe gegangen und spielte darauf eine Melodie, die die Winde weitertrugen zu allen Elfen in Stadt und Land. Und alle Elfen, die sie hörten, wussten nun von dem Unglück, und wer immer ein Mittel gegen den Olchsbiß kannte, würde gleich eine Nachricht zu der Insel im Maunzenweiher schicken. Eine Eule, die alles beobachtet hatte, schwang sich lautlos auf. Ihr trauriger Ruf schreckte die Nachttiere auf, Blumen, Büsche und Bäume wiegten sich im Wind und ließen Blätter fallen, als weinten sie, die ganze Natur schien zu trauern um den Elfenprinzen Leon, der beim nächsten Vollmond ein Olch sein würde. Aber Leon, der Blaulockige, der Tapfere, der Olchgebissene, lächelte und sagte: "Danke, du Goldhändige", denn er kannte den Namen der Elfe mit dem (nun wieder trockenen) Federhaar ja noch nicht - "ein ganzer Mond! Viel Zeit, um ein Mittel gegen die Olchskrankheit zu finden. Wenn ich nur wüsste, wo ich suchen soll." Der Oberelf kam mit hängenden Flügeln herbei: „Lia, geh heim! Hier kannst du nicht mehr helfen, und gleich werden sich die Ältesten versammeln, um Rat zu halten. Dabei hast du nichts zu suchen." Aber Prinz Leon ließ Lias goldene Hand nicht los. "Wohnst du weit von hier, Lia Federhaar?" "Wenn du mich brauchst, in der alten Buche am Kreuzweg bin ich zu finden." Und Lia nahm aus ihrem silbernen Beutelchen ein Tuch, das war aus Spinnweben so fein gewebt, daß es aussah, wie ein Nebelschleier, sie faltete es auseinander, es wurde immer größer, hüllte sie ganz ein, ein kleiner Nachtwind hob sie auf und trug sie, ein Nebelwölkchen nun, durch die Dunkelheit davon. Und gleich wurde es wieder lebendig auf der Insel im Maunzenweiher. Zuerst kam der Froschkönig mit der Krötenkönigin (sie brauchten nur aus dem Weiher zu steigen, denn der war ihr Königreich ), Haselmaus und Igel raschelten heran, die älteste Fledermaus des Stadtwaldes flatterte herbei und hängte sich kopfunter an einen Ast, ein Maulwurf kletterte aus seinem Hügel, angetan mit seinem feinsten schwarzen Pelz, der Uhu kam mit dem Waldkauz, der Hirsch schwamm zur Insel, Fuchs und Katze balancierten über einen dünnen Baumstamm, der wie eine Brücke auf dem Wasser lag, Käfer, Grillen und Schnaken schwirrten und brummten heran, die Kreuzspinne ließ sich an einem Faden herunter, und alle setzten sich im Kreis auf die kleine Tanzwiese inmitten der Insel. Sie waren ganz still, blickten auf Leons Fuß, der aussah, als sei er von Ebenholz und warteten. Schließlich sahen sie ein kleines Licht zwischen den Baumwurzeln, ein Zwergenweiblein humpelte herbei, uralt und gebückt und setzte sich auf einen Fliegenpilz, und gerade da, als der Oberelf die Ratsversammlung eröffnen wollte, denn das war sie, senkte sich mitten im Kreis eine kleine Wolke nieder, die fast so aussah wie Lia in ihrem Nebeltuch. Und wirklich war es eine Elfe mit weißem Haar und fast durchsichtig, die da die Spinnwebhülle zusammenfaltete und in einen Silberbeutel steckte. Aber sie war elfenalt, wenn auch noch immer wunderschön. Alle, die hier versammelt waren, standen auf und verneigten sich vor ihr. Ein feiner Glanz hüllte sie ein und aus ihrem Haar, es war silberweiß und umgab sie wie ein Schleier, schien Sternenstaub auf die Wiese zu fallen. Sie sah ernst in die Runde und stellte sich neben Leon mit dem Olchsfuss. "Es ist also soweit" sagte sie so leise, daß man eigentlich nichts hörte als ein Seufzen, aber das drang mitten ins Herz. Und da wußte auch Leon, wer neben ihm stand. Das war nicht nur eine alte, weise Elfe, das war eine der zwölf Feen, denn auch die Feen kommen aus dem Elfengeschlecht, eine der zwölf Wunschfeen, die, wenn die Eltern sie bitten, den Kindern ihre Geschenke bringen: Schönheit und frohen Sinn, Gesundheit und Klugheit, klare Augen, sanfte Hände, leichte Füße, süße Stimmen und was der Feengaben mehr sind. Menschenkinder, die so begabt werden, teilen den anderen Menschen von ihren Gaben mit. Und wenn Du ein Bild siehst, das besonders leuchtet, eine Musik hörst, die dich ganz traurig und ganz froh macht, wenn Du ein Gedicht liest, das Dir wohltut, dann weißt Du, daß ein Feenwunsch in Erfüllung gegangen ist. Eine der zwölf Feen aber kann etwas schenken, das besonders wertvoll ist: Sie gibt dem Kind einen Kuss auf die Stirn und schenkt ihm damit ein liebevolles Herz. Und ein solches Kind umgibt ein sanfter Schein, wie Sternenlicht. Das kommt von dem Staub, der der Fee bei dem Kuss aus den Haaren fällt. Im Elfenreich werden viele Geschichten von der Fee erzählt, die immer "die Zwölfte" genannt wird, aber seit mehr als hundert Jahren nun war sie immer seltener an die Wiegen oder Betten der Neugeborenen gekommen, und im Elfenrat hatte man sie gar nicht mehr gesehen. Und das hatte seinen Grund: Vor beinahe zweihundert Jahren nämlich war einer ihrer Söhne von einem Olch gebissen worden, und die bösen Gifte hatten sich so schnell ausgebreitet, daß er in der nächsten Nacht, denn da war der Mond voll, mit einem Schrei, schwarz und aufgedunsen, in der Erde versank. Alle Feenkünste hatten nichts genutzt, er war verloren. Und deshalb hatte die Zwölfte heute ihr Zimmer im Gipfel der alten Buche verlassen, aus dessen Fenstern sie alles sehen konnte, was im weiten Umkreis geschah. Sie war nicht mehr so mächtig wie früher, sie spürte, daß die Dunkelheit in der Welt zunahm, daß ein Mensch mit kaltem Herzen oft mehr galt als einer mit einem liebevollen, und die Menschen riefen sie immer seltener - und deshalb nahmen ihre Kräfte ab. Nun aber stand sie neben Leon, dem Elfenprinzen, dem alle zwölf Feen ihre Gaben in die Wiege gelegt hatten, neben Leon, der ausersehen war, einmal Elfenkönig zu werden und der nun die Olchkrankheit in sich trug. "Es ist also soweit!" seufzte sie - oder hatte sie es leise gesungen? "Die Olche rufen um Hilfe. Und wenn sie die Hilfe nicht bald bekommen, werden sie das Elfenreich zerstören. Denn sie können, schwarz wie sie in ihren Herzen sind, nur Böses tun. Aber trotzdem suchen sie das Licht, das, könnte es in ihr Herz fallen, sie befreien würde. Ich habe lange nachgedacht, und ich glaube, ich weiß, wie man dir Leon und den armen Olchen helfen kann. Vielleicht war es mein Sohn, Orbo, der sich hier ins Mondlicht gewagt hat, und der jetzt gelähmt dort in der Erde steckt. Wenn ein Sonnenstrahl ihn berührt, wird er zu Asche verbrennen, wenn wir aber alle unsere Kräfte vereinen, können wir ihn vielleicht erlösen und heilen. Und auch dich, Prinz Leon, der du einmal König sein sollst im Elfenreich. - Hört also: Zu einer Zeit, als die Erde noch jung war, war sie ganz eingehüllt in Sonnenstaub und fand sich so schön, daß sie sich immer eitler um sich selbst drehte, um ordentlich zu funkeln und zu glänzen. Sie merkte gar nicht, daß sie sich dabei immer weiter von ihrer Mutter, der Sonne, entfernte. Und als sie endlich anhielt, war sie so weit weg von der Sonne, daß die nur noch in der Ferne wie ein leuchtendes Gesicht zu sehen war. Durch die rasende Drehung hatten sich starke Winde erhoben, die bliesen den Sonnenstaub zusammen und machten daraus einen Ball. Da der Ball sehr heiß war, ließen sie ihn fallen. Er fiel in den großen Ozean, der aus den Tränen der Erde entstanden war, denn sie fühlte sich ganz verlassen, so weit weg von der Mutter - und kalt war ihr auch. Sie machte sich aus Schnee und Eis eine Mütze und Socken und drehte sich - langsam - um sich selbst, damit die Sonne sie aus der Ferne überall wärmen könnte. Die Winde aber, in ihrem Übermut, fischten den Sonnenstaubball, der nun abgekühlt war und silbern glänzte, aus dem Meer und warfen ihn mit aller Kraft in die Dunkelheit. Und der Ball flog hoch, weit weit von der Erde weg, bis er über sich die Sonne sehen konnte. Er sah nach der Erde zurück, die blau und schön unter ihm lag und sich immer noch fürchtete, weil eine Seite immer wieder im Dunkeln lag, wie sie sich auch drehte. Der Ball bekam Mitleid. Und obwohl er sehr abgekühlt war durch das Bad im Ozean, hatte er doch noch genug Kraft, um sein silbernes Licht in die Erddunkelheit zu schicken. Aber seine Sehnsucht nach der Sonne war so stark, daß er sich ihr immer wieder zuwenden mußte, bis er die Erde nicht mehr sah. Da er aber die Erde genau so stark liebte, wandte er sich doch immer wieder um und erhellte die Nacht, und das tut er noch heute. Vom Mond und auch von den Sternen fallen immer wieder Stäubchen auf die Erde, die wir Feen aufsammeln und gut verwahren, denn starke Kräfte sind in ihnen. Auch Sonnenstaub fällt noch manchmal auf die Erde, wenn auch sehr selten. Die Maler in früheren Zeiten wussten davon, und wenn es einem gelang, ein wenig Sonnenstaub auf sein Bild zu tupfen, fing der Himmel auf dem Bilde an, golden zu leuchten. Die Zwerge haben, glaube ich, ein Sonnenstäubchen gefunden. Es glänzt über dem Thron des Zwergenkönigs, und ich bin ganz sicher, daß die kleine Lia einmal ein Sonnenstäubchen berührt hat, denn eines Tages hatte sie goldene Hände. Wenn wir ein Sonnenstäubchen fänden, könnte ich es zu ganz ganz feinem Staub zermahlen, damit ein goldenes Brot backen, und wer auch nur eine Krume von diesem Brot äße, würde bald spüren, wie sich das Licht in seinem Innern ausbreitet und gegen die schwarzen Kräfte kämpft, bis sie ganz besiegt sind. Ich habe aus allen meinen Fenstern geschaut und konnte nirgends ein Sonnenstäubchen sehen. Wenn einer von euch etwas weiß, soll er jetzt sprechen." Die leise Melodie war zu Ende. Alle im Rat Versammelten waren erst einmal still, und dann fingen alle gleichzeitig an zu reden, und da jeder hören wollte, was der Andere gesagt hatte, waren alle zur gleichen Zeit wieder still. Alle aber hatten dasselbe gesagt, nämlich, daß sie nicht wüßten, wo heute ein Sonnenstäubchen zu finden sei, wo man doch seit vielen hundert Jahren keines mehr gesehen hätte. Nur Leon, dem der Fuß arg weh tat und der deshalb gerade die Zähne zusammenbeißen mußte, hatte geschwiegen. Aber nun tat er die Zähne auseinander: "Am besten fragen wir Lia Goldhand!" Und dann biss er die Zähne wieder zusammen. Die Zwölfte machte eine kurze Handbewegung und schon flog der Uhu los zur Buche am Kreuzweg, in deren Wipfel die Fee ihre Wohnung hatte und in deren Fuß Lia mit den Federhaaren zu Hause war. Der Uhu setzte sich auf einen Ast, krächzte dreimal kurz, und als hätte sie auf dieses Zeichen gewartet, kam Lia, die Schöne, wie eine kleine weiße Wolke aus einer der Baumtüren geschwebt, setzte sich auf des Uhus Rücken und ließ sich zum Versammlungsplatz tragen. Mitten in den Kreis trug sie der Uhu, wo sie sich nach allen Seiten verneigte. Sie hob die goldenen Hände hoch ins Mondlicht, fing einen Strahl, brach ihn ab - und das können nur goldhändige Elfen - und wickelte ihn um den Fuß des zähnezusammenbeißenden Leon vom Blautopf. Das kühlte, und der schlimme Schmerz verging. Und nun erst fing Lia, der der Uhu auf dem Flug von den Sonnenstäubchen berichtet hatte und daß sie allein Leon und die Olche und damit die Elfen und vielleicht die ganze Welt retten konnte, nun erst fing Lia mit den goldenen Händen, Lia mit dem lustigen Federhaarschopf und dem liebevollen Herzen an zu erzählen, wie sie zu ihren goldenen Händen gekommen war. Und das ist die Geschichte: "Als ich noch sehr klein war, waren Erdbeeren meine Lieblingsspeise, ( was hat das nun mit dem Sonnenstäubchen zu tun, wirst Du Dich fragen - ich weiß es auch noch nicht, hören wir also zu! ) und deshalb ließ ich mich oft von dem Goldkäfer in einen Garten tragen, in dem besonders schöne Erdbeerbüsche wuchsen, deren kleine, süße Früchte vom Frühjahr bis zum Spätherbst reiften. Dieser Garten gehörte einem alten Mann, der die Pflanzen liebte und hegte, die seltensten Blumen wuchsen da, die schönsten Früchte, Goldfische schwammen in einem kleinen Teich, Bienen hatten da ihr Haus, in dem sie die Waben mit goldenem Honig füllten, Vögel nisteten in allen Bäumen, oft kamen die Blumenelfen, um dort die Nächte hindurch zu musizieren und zu tanzen, und oft legten wir uns zum Schlafen in eine der Blütenknospen. Der alte Mann blieb oft bis spät in die Nacht hinein in seinem Garten, aber er störte uns nie. Manchmal zog er eine goldene Uhr aus der Tasche, und wenn er deren Deckel aufspringen ließ, spielte sie eine ganz feine kleine Melodie. Wenn er den Deckel zudrückte, wurde es wieder still. Dann seufzte er, stand auf und sagte: "Leb' wohl, mein Paradiesgärtlein!" und ging fort. An einem besonders schönen Sommerabend, als der Mond gerade aufgegangen war, kroch ich aus der Rosenknospe, in der ich tagsüber geschlafen hatte, hervor, schüttelte den goldenen Blütenstaub ab und sah direkt vor mir eine glänzende, runde Scheibe und hörte die feine Tanzweise. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und sprang auf das Uhrglas, das zum Tanzen und Drehen wie gemacht schien. Aber gerade da klappte der alte Mann, der mich ja nicht sehen konnte, den Deckel zu, und ich war gefangen. Ich drückte mit beiden Händen fest gegen den goldenen Deckel, aber ich war zu schwach. Da saß ich nun und hörte dem Ticken zu und dem Klicken, dem Schnurren und Surren. Ich saß wie in einer Schiffschaukel am Rand der Uhr, Zwischen Glas und Deckel, und das war lustig, und ich wartete darauf, daß der alte Mann wieder auf seine Uhr gucken würde, denn Menschen teilen Tag und Nacht nicht ein wie wir, die wir nur in den Himmel sehen müssen, Menschen brauchen dazu eine Uhr, und manchmal fängt ihr Tag schon an, wenn es noch Nacht ist. Aber dieser Mensch ließ die Uhr in der Tasche stecken, zog, zu Hause angekommen, das Kleidungsstück aus, und dann hörte ich ihn nicht mehr. Und nachdem ich mir ganz viele goldene Gedanken gemacht hatte, denn ich war ja in einer goldenen Uhr gefangen, schlief ich ein - und das kurz nach Mitternacht und obwohl es immerzu tickte und klickte und schnurrte und surrte und scharrte und schnarrte. Und dann wachte ich auf, weil die Uhr wieder anfing zu schaukeln. Aber um mich herum hörte ich kein Bienengesumm oder Vogelgezwitscher, sondern Hupen und Tuten und Schreien und Quietschen, es stank fürchterlich, aber bald wurde es still, und es roch nur noch ein wenig staubig und schaukelte nur noch wenig, und ich schlief wieder ein. Ich erwachte mit einem Ruck, rutschte auf die Glasplatte, der Deckel wurde geöffnet, die Melodie ertönte, und obwohl wir gar nicht im Garten waren, sagte der seltsame alte Mann: "Leb' wohl, mein Paradiesgärtlein, morgen sehen wir uns wieder." Wir waren in einem großen Saal mit hohen Fenstern, aber trotzdem war es nicht zu hell, und von der Wand, vor der wir standen, leuchtete mir der schönste Garten entgegen, den ich je gesehen hatte. Menschen und Engel, Feen und Elfen waren da beieinander, musizierten und erzählten. Blumen, Kräuter und Obstbäume wuchsen da - auch ein Erdbeerbusch mit weißen Blüten und herrlichen, reifen Früchten, eine Königin, schön wie eine Fee, im blauen Gewand mit goldener Krone saß auf einem roten Kissen und blätterte in einem dicken Buch, mit goldenem Löffel schöpfte ein Mädchen goldenes Wasser aus einem Marmorbrunnen. Das alles schien so lebendig, daß ich sofort in den Garten springen wollte, aber das ging nicht, denn der Garten war nur gemalt. Ich setzte mich auf den goldenen Bilderrahmen, und da ließ der Gärtner die Uhr wieder zuschnappen und ging weg, und in dem ganzen großen Haus, in dem gar keine Menschen wohnten, sondern nur Bilder, gingen die Lichter aus. Aber das Bild vom Paradiesgärtlein war das allerschönste. Der Himmel war so blau und still, ich meinte die Vögel zwitschern zu hören, die Engelsflügel schimmerten wie der Regenbogen, die Erdbeeren schienen zu duften und da, gerade als ich meinte, mir doch eine pflücken zu können, da sah ich den Olch !
Er saß ganz nahe bei dem Erdbeerbusch unter einem Baumstamm, dem ein frisches Reis aufgepfropft war, und sah eigentlich gar nicht so schwarz und böse aus, aber vielleicht kam das von dem goldenen Schein, der von der Krone der Königin und aus dem Brunnen mit dem Goldwasser kam. Das war wirklich sonderbar. Je dunkler es wurde, desto stärker leuchtete das Bild. Ich hatte große Lust, meine Hände in das Goldwasser zu tauchen, denn es sah gar nicht mehr aus wie gemalt - und so kam es, daß ich meine Hände auf das Bild legte, dort, wo der Marmorbrunnen gemalt war, und sie tauchten tief ein in den Brunnen, und mit einem Mal, war ich mitten unter den Gestalten, eine Frau pflückte Früchte von einem Baum und lud mich ein, davon zu kosten, die Blumen dufteten mir zu, die Königin sah mich freundlich an, und ich durfte aus ihrem Becher einen Schluck von dem Goldwasser trinken, das süßer schmeckte als Nektar und stärker duftete als alle Blumen. Und gerade als ich getrunken hatte, schien der Mond durch eines der Fenster, schickte einen Strahl zu mir, und ehe ich wußte, wie mir geschah, saß ich in der Rosenknospe, sah vor mir den alten Mann, der gerade seine Uhr aufschnappen ließ, die Melodie spielte, das glatte Glas funkelte verlockend, aber diesmal sprang ich nicht, und der alte Mann sagte: "Leb' wohl, mein Paradiesgärtlein, morgen sehen wir uns wieder." Da wußte ich nicht, ob ich das alles nur geträumt hatte, und da kam auch schon mein Leuchtkäfer, um mich zur Elfenschule zu tragen und brummte ein wenig, weil er gestern vergeblich nach mir gesucht hätte. Der Oberelf machte, als er mich sah, auch ein brummiges Gesicht, aber dann gab ich ihm die Hand, und plötzlich wurde er freundlich, ja fast fröhlich, und da sah ich, daß meine Hände ganz golden waren." So sprach Lia mit den goldenen Händen, die in einem goldenen Traum im Paradiesgärtlein gewesen war. Den Garten und den alten Mann hatte es wirklich gegeben, das konnte der Oberelf bestätigen.Der alte Mann hatte seine Erdenreise nun schon lange beendet. Den Garten gab es noch, und er war immer noch schön, denn die Elfen kümmerten sich um ihn, und für viele Kinder, die auf dem Sachsenhäuser Berg wohnten, war er ein geheimer Ort, wo sie spielen, träumen und reden und singen konnten, ohne je von einem Erwachsenen gestört zu werden. Das Erstaunlichste war, daß die größten Raufbolde, sobald sie durch das Loch in der Hecke gekrochen waren, die den Garten hoch und dicht umgab, ganz friedlich und vernünftig wurden. Vielleicht war es ein Zaubergarten, aber einen goldenen Brunnen gab es da nicht. Der Kater, der mit seinen leuchtenden Nachtaugen bis jetzt still in die Runde geguckt hatte, strich sich mit einer Pfote über den Schnurrbart und hielt sie dann in die Höhe, denn ihm war etwas eingefallen. Der Oberelf, der zu dem Schluß gekommen war, daß entweder das Uhrengold, die goldenen Gedanken oder das Goldwasser (aber das gab's ja wohl nur im Traum?) die Hände vergoldet haben konnten (Goldfische, Goldkäfer oder Blütenstaub und Honig konnte man wohl ausschließen) - er war etwas langsam im Denken, aber Reigentanzen konnte niemand so gut wie er! - der Oberelf erteilte dem Kater ( der übrigens Minna hieß, was er gerne verschwieg) das Wort. "Ich kannte den alten Mann gut!" maunzte er." Eines Winters, ich war noch ganz klein, alles war zugeschneit, Futter gab's nicht, es war so kalt, daß mir beinahe die Pfoten abgefroren wären, da hob mich der alte Mann hoch, steckte mich unter seinen Mantel und nahm mich mit zu sich nach Hause. Er hatte gerade im Garten ein Vogelhaus aufgestellt. Bei ihm war es warm und roch gut nach Milch." - Hier wurde die Versammlung etwas unruhig, denn Milch und Vogelhäuser interessierten niemanden, aber die Zwölfte hob die Hand, da wurden alle wieder still, und der Kater fuhr fort: "Und außerdem roch ich Mäuse! Der alte Mann wohnte allein in einem alten Haus, und ich konnte gleich ein paar Mauselöcher entdecken, wenn ich auch gerade keine Jagdlust hatte, denn ich war satt von der Milch und müde. Der alte Mann setzte sich neben mich auf das Sofa, kraulte mir den Nacken und fing an, mit mir zu reden. Natürlich verstand er, wie alle Menschen, die Katzensprache nur unvollkommen, aber er brauchte wohl eher jemanden, der ihm zuhörte und ein gelegentliches "Mau" genügte ihm als Antwort. Und so erzählte er mir von seinem Paradiesgärtlein, in dem die Blumen nie verwelkten und wo der Winter keine Macht hätte. "Jeden Tag, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, schaue ich es mir noch einmal an und freu mich dran." So sagte er. "Aber jetzt habe ich große Angst um das Gärtlein, denn gestern ist im Keller ein Mauseloch entdeckt worden" - ich war gerade dabei einzuschlafen, aber da wurde ich sofort wieder hellwach - "und ich hoffe nur, daß die Mäuse in ihrem Unverstand nicht daran herumknabbern. Ich will ihnen gerne ein ganzes Rad Käse schenken, wenn sie nur versprechen, das Städtel für immer zu verlassen." Das schien mir doch etwas übertrieben, denn wo bleibt für uns Katzen der Spaß, wenn die Mäuse die Stadt verlassen! Wie konnte man überhaupt diese Riesenstadt Städtel nennen und überhaupt, wie können Mäuse an einem Gärtlein herumknabbern?! Ich schlief nun wirklich ein. Am nächsten Morgen lief ich, satt und warm, dem alten Mann ein ganzes Stück hinterher, denn ein sonniger Garten mitten im Winter, könnte auch mir gefallen. Aber der Mann ging mit seiner Aktentasche bis zum Fluß hinunter und dann immer am Ufer entlang, und weil da gerade eine fette Ratte auftauchte, die ich jagen mußte - ich war noch sehr jung - , verlor ich ihn aus den Augen." Minna, der Kater, legte zierlich die Pfoten übereinander zum Zeichen, daß er nichts mehr zu sagen habe und wandte seinen Kopf langsam der Maus zu, der sich ein wenig die Nackenhaare aufstellten, als sie die grünlich schimmernden Augen auf sich gerichtet sah. Sie quiekte leise vor Schreck und ärgerte sich gleichzeitig, denn sie wußte ja, daß weder Fuchs noch Uhu oder Katze ihr hier etwas tun würden. Aber es war alte Sitte, daß die großen die kleinen Tiere bei Ratsversammlungen niemals direkt ansahen. Nun, dies war eine außerordentliche Versammlung, in der Außerordentliches geschah. Die Maus blinzelte ein wenig und versuchte, würdig auszusehen. Dann stieß sie einige schrille Pfiffe aus, und schon begann es im Wald ringsum zu rascheln, man hörte das Trappeln von vielen kleinen Füßen, die nach allen Seiten davoneilten. "Ich habe meine Boten ausgesandt, um den König der Stadtmäuse herzubitten, wenn ihr erlaubt. Er ist nicht weit von hier, denn heute ist das alljährliche große Vollmond-Waldmausfest, und der König ehrt uns mit seinem Besuch." Und kaum hatte die Maus diese Worte ausgesprochen, als auch schon der Mausekönig in seinem feinen grauen Pelz mit einer Krone auf dem Kopf, die die Untertanen seines Ur-Ur-Urgroßvaters zierlich aus einem Käse ausgebissen hatten und die nun ganz hart und golden war und kaum noch roch, eine tiefe Reverenz vor der Zwölften machte, die sich auch verneigte, und pfeifend und quiekend erzählte ihm die Waldmaus, was er wissen mußte. Das ging schnell, denn Mäuse machen untereinander nicht viele Worte. "Ein Rad Käse, damit die Mäuse das Städtel verlassen und das Paradiesgärtlein nicht anknabbern. Ja! Das ist doch ganz einfach!" fiepte der Mausekönig. "Ich erinnere mich noch wie heute an diesen schlimmen Winter, als wir im Garten des Städel tatsächlich ein ganzes Rad Käse fanden mit einem Brief, in dem wir gebeten wurden, doch das Städel zu verlassen. Wir hatten uns dort im Keller sehr schöne Nester gebaut aus altem Papier und hätten nie gedacht, daß uns jemand bemerken würde. Katzen gab es da nicht und Menschen kamen auch selten in diesen Keller. Nun, da wir entdeckt waren, mussten wir natürlich umziehen, denn die Menschen in ihrem Unverstand vergiften ganze Häuser, sobald sie einer Maus gewahr werden. Aber am Mainufer gibt es viele Gebäude wie das Städel, das eine Art Vorratshaus zu sein scheint, wo die Menschen altes Papier, Leinwände und Bretter aufbewahren, die mit Leinöl, Harz und Farbe bestrichen sind. Sie nennen solche Vorratshäuser Museen. Wir zogen also mit dem Käse in ein anderes "Museum" ganz in der Nähe, in dem die Menschen, diese seltsamen Geschöpfe, alte Steine aufbewahren, und da sind wir bis heute." Und da geschah etwas Unerhörtes: Die Zwölfte ging auf den Mausekönig zu und gab ihm einen Kuss, dann bestreute sie ihn mit Sternenstaub ( sein Pelz wurde ganz silbern und blieb es bis heute ), worauf er sich ganz leicht fühlte, nahm ihn bei der Pfote und flog mit ihm davon. Sie wußte nun, wo das Sonnenstäubchen zu finden war, und alle anderen wussten es auch - nur der Oberelf überlegte noch angestrengt, aber er war trotzdem ein ausgezeichneter Oberelf, und Tautropfen formen und aufhängen konnte im ganzen Elfenreich keiner besser als er! Leon, dessen Fuß nun wieder dick und olchig geworden war und ihm schlimme Schmerzen machte, freute sich so, daß er aufsprang und auf seinem gesunden Fuß eine Pirouette drehte, um die der Oberelf ihn hätte beneiden können. Dabei zog er Lia, die noch immer seine Hand hielt, einfach mit, und so wirbelten sie über die kleine Lichtung, aber nur einen Augenblick, denn Leon, der Elfenprinz mit dem Olchsfuss, wußte, daß ihm noch Schweres bevorstand. Und so setzte er sich wieder auf seinen Pilz, neben sich die goldhändige, federhaarige, spinnwebzarte Lia und war ganz still. Inzwischen war die Zwölfte mit dem Mausekönig zur Stadt geflogen, zum Fluß und zu dem großen Haus, Städel genannt, wo ein Bild hängen mußte mit einem leuchtend goldenen Brunnen. Der Mausekönig zeigte der Zwölften den Zugang zum Keller, den es immer noch gab, und dann schwebten sie, zwei silberne Gestalten, durch die großen, einsamen Säle, bis sie einen goldenen Schein sahen, der aus einem der Seitenkabinette drang. Und da war das "Paradiesgärtlein", und sogar der Mausekönig sah nun nicht mehr nur ein Brett bestrichen mit Leinöl, Harz und Farbe. Das machte der Feenstaub. Die Zwölfte aber ging in das Gärtlein hinein, denn das konnte sie, verneigte sich tief vor der Königin im blauen Mantel, die zu wissen schien, warum die Zwölfte gekommen war und hold lächelnd von ihrem Buch aufschaute: „Nimm alles, was du brauchst." Und da trat die Zwölfte auf den Rahmen hinaus, das Bild schloss sich, und sie strich mit ihren Elfenfingern über den Brunnen und sammelte alle die leuchtenden Goldstäubchen ein, mit denen das Wasser übermalt war, aber den goldenen Schöpflöffel und die Krone berührte sie nicht. Sie verwahrte die Sonnenstäubchen, denn das waren sie, in einer Schale aus Mondstein, verneigte sich noch einmal vor der Königin, deren Krone hell glänzte, verabschiedete sich von dem Mausekönig und flog, schneller als ein Gedanke, zu ihrer Buche, um das Sonnenbrot zu backen. Der Mausekönig blieb noch eine Weile vor dem Bild sitzen und sah es sich an. In dem Brunnen war jetzt klares Wasser, wenn es auch immer noch einen leichten Goldschimmer hatte, und so würde es bleiben. Der Mausekönig fiepte leise, und das klang wie ein Seufzen, und dann huschte er davon und beschloss, ein Gesetz zu erlassen, das es den Mäusen bei schwerer Strafe untersagte, künftig im Städel an irgendetwas zu knabbern. Und zufrieden begab er sich in sein Mäuseschloss. Die Fee aber, die Zwölfte, die Zauberin, mischte nun den Sonnenstaub in der Mondsteischale mit duftenden Ölen und luftigen Essenzen, mit Blütenstaub von Rosen und Honig von vierblättrigem Klee und formte daraus ein großes Brot, das durch die Sonnenwärme ganz von selbst aufging und buk und alsbald duftend und golden leuchtend in ihren Händen lag. Das alles brauchte nicht mehr Zeit als ein Wimpernschlag, und schon stand sie wieder auf der Insel im Maunzenweiher und sah Leon, den Pirouettendreher, der sich gerade hingesetzt hatte und still geworden war, ernst an. Dann reichte sie ihm eine Krume von dem Sonnenbrot. Alle hielten den Atem an. Leon nahm die Krume in den Mund, sie schmeckte seltsam süß und würzig und löste sich auf in einen Duft, der ganz unbeschreiblich war und warm durch seinen ganzen Körper wehte, durch alle Glieder, bis in die Fußspitzen, der ihm das Herz weit machte und ihn in einen hellen Schein einzuhüllen schien. Er hörte die Musik der Sterne und konnte alle Wesen sehen, die unsichtbar zwischen Erde und Himmel schweben, und ihm war, als sei die Erde aus Glas, und er sah die Gold- und Silberadern, die ihren Leib durchziehen, die Edelsteine und Kristalle, die ihn erleuchten und das große Feuer, das ihr Innerstes erwärmt - und die Olche, die von ihren schwarzen Gedanken gefesselt waren wie von schweren Ketten, und er konnte ihre Schreie hören, denn sie hatten das Licht nicht ganz vergessen und die Erinnerung daran war wie ein unerträglicher Schmerz.
Die Ratsleute hatten um den Blauelfen einen Kreis gebildet. Vor ihren Augen löste er sich auf und schien eine Flamme zu werden, und dann verdichtete sich die Flamme, zog sich zu einer Gestalt zusammen, und da stand Leon mit seinen blauen Locken, stand auf zwei zarten Elfenfüßen, gesund und froh, da stand der Wanderer, der Mondstrahlrutscher und schien derselbe wie vor dem Olchsbiß, stand da und lachte und schaute alle an mit goldschimmernden Augen, die doch so blau gewesen waren wie das Wasser der Quelle, an der er auf die Welt gekommen war. Er war ein Sonnenelf geworden! "Wir müssen uns beeilen" war das erste, was er sagte. "Die Olche leiden große Schmerzen, wenn sie an das Licht denken, das zu sehen ihnen für immer verwehrt ist. Deshalb hassen sie es und wollen es auslöschen. Sie haben angefangen, an den Wurzeln der Bäume zu nagen, damit die sterben. Sie vergiften die Erde, damit nichts mehr wächst. Sie schicken ihre schwarzen Gedanken zu den Menschen, damit die immer mehr schwarze Straßen bauen, immer höhere Häuser, damit ihnen ein Goldstück schöner scheint als eine Blume, damit sie lernen, sich gegenseitig zu hassen und damit sie nie mehr lachen und alles vergessen, was lebendig und wirklich schön ist, damit sie vergessen, daß sie die Erde schützen sollten und alles, was lebt. Heute versammeln sich die Olche in den Kanälen unter dieser Stadt. Ich habe sie gesehen. Beeilen wir uns!" Die Zwölfte war indessen zu dem Ort gegangen, wo Leon vor gar nicht so langer Zeit so unglücklich hingeplumpst war ( aber vielleicht war das ja ein Glück! ) und wo immer noch der gelähmte Olch steckte mit dem Mondstrahl im Maul. Die Zwölfte brach wieder eine Krume von ihrem Sonnenbrot und ließ sie in den Olchsrachen fallen. Ein schwarzer Wirbelwind kam daraus hervor, die Kiefer klappten zusammen, die ganze Insel fing an zu beben, die Erde rund um den Olch brach auf, der sich nun mit einem schrecklichen Schrei aufblähte wie ein Ballon und schließlich platzte. Die Olchshautfetzen verbrannten zu Asche, aber aus den Flammen und dem Rauch trat ein Elf mit weißem Haar und goldenen Augen, nur seine Elfenhaut war dunkelbraun, wie verbrannt von der Sonne. "Bin ich endlich aufgewacht aus diesem schrecklichen Traum, Mutter?" Er sah sich um, sah alle die Waldwesen, die erschrocken und ernst um ihn versammelt waren und ahnte, daß er nicht geträumt hatte. "Beeilen wir uns!" sagte auch er, der nun auch ein Sonnenelf war. "Ich weiß, was zu tun ist. Aber wir müssen schnell sein. Sie dürfen nicht erfahren, was hier geschehen ist. Sie sind stark. Sie sind böse. Sie sind viele. Aber heute trinken sie den Trank des Vergessens, dazu hat der Oberolch alle in seinen Palast befohlen. Nur wenige Olchwachen sind aufgestellt, denn in Frankfurt fühlen die Olche sich sicher. Ich war eine von 13 Wachen, aufgestellt im Kreis um die Stadt. 12 sind noch an ihrem Platz. Sie müssen als erste geheilt werden. Dann gibt es noch einen Ring von 7 mal 13 Wachen um den Palast, der tief unter dem großen Bahnhofsgebäude liegt, alte Gewölbe, die kein Mensch kennt." Und dann flüsterte er etwas, und alle Insekten flogen davon, so schnell sie konnten, die Kreuzspinne webte eilig weiter an ihrem Netz, das Zwergenweiblein huschte unter seine Wurzel, der Oberelf schleppte die große Tauschale herbei, der Hase hoppelte in den Wald, der Fuchs verschwand wie ein roter Blitz, der Hirsch sprang ins Dickicht, und man hörte nicht einmal das Knacken von einem Ast, Katz und Maus waren gemeinsam aufgebrochen, Uhu und Waldkauz strichen durch die Bäume. Als erstes kam das Zwergenweiblein wieder und brachte zwei Leuchtkristalle, die sie der Zwölften vor die Füße legte. In alter Zeit haben die Zwerge Kristalle um Mondstrahlen herumwachsen lassen, die durch ganz feine Bergritzen in die Kristallgärten geleitet wurden, und haben so das Licht im Herzen der Kristalle gefangen. Heute sind Leuchtkristalle selten und sehr kostbar, denn im ganzen Zwergenreich gibt es nur noch einen Kristallgärtner, der - in einer einzigen Vollmondnacht, alle 330 Jahre - solche Kristalle wachsen lassen kann. "Es gibt einen uralten Zwergenweg, den wir lange nicht benutzt haben und den die Olche nicht kennen!" wisperte das Zwergenweiblein. "Er geht tief unter der Erde vom Flussufer bis zu dem alten Gewölbe, wo sich jetzt die Olche treffen. Alle Zwerge sind dabei, den Weg freizumachen. Sie werden mit ihren Laternen auf Euch warten. Die Laternen werden sie erst anzünden, wenn Ihr das Zeichen gebt." Damit eilte sie davon. Die Zwölfte gab Leon und dem braunen Elf, den sie Orbo nannte, die Leuchtkristalle und zwölf Krumen von dem Sonnenbrot, und schon kamen Uhu und Waldkauz, nahmen die beiden auf den Rücken und flogen zu dem ersten Olchsversteck. Neben der großen Buche, genau da, wo die Wege sich kreuzten, steckte Orbo, der einmal ein Olch gewesen war, seinen Kristall in die Erde und einer der Füchse, die da, wo die Olchswachen in der Erde saßen, schon warteten, scharrte nun den Boden auf. Und da saß der schwarze Olch, vom Licht des Kristalls gelähmt. Orbo steckte ihm eine Goldkrume ins Maul, das ein wenig offenstand, und dann konnte er mit ansehen, wie sich der Olch mit einem schrecklichen Schrei aufblähte und schließlich platzte, wie die Olchshautfetzen zu Asche verbrannten und wie aus Flammen und Rauch ein Elf hervortrat mit rotgelbem Haar und goldenen Augen und einer Haut, dunkel, wie verbrannt von der Sonne. Er war einst ein Feuerelf gewesen. Orbo, der keine Zeit hatte, schickte ihn auf dem Rücken des Fuchses zur Maunzenweiherinsel zurück. Er hörte aus der Ferne einen Schrei und war froh, denn das bedeutete, daß Leon, der schon weitergeflogen war, auch einen Olch-Elf befreit hatte. Und Orbo stieg wieder auf den Rücken des Uhu. Auf der Insel im Maunzenweiher hatten sich inzwischen alle Spinnen des Waldes eingefunden und webten an einem riesigen Netz. Am Ufer war ein reges Kommen und Gehen. Lia, die Goldhändige, deren Federhaarschopf nickte und wippte, hatte ihr großes Nebeltuch ausgebreitet und darauf sammelten sich allerlei glitzernde, spiegelnde Dinge. Maulwürfe und Mäuse und Katzen und Kaninchen durchwühlten den großen Müllberg Monte Scherbelino, der mitten im Stadtwald aufgeschüttet war, nach Spiegelscherben und blanken Metallstücken, die sie in Zwergensäcke füllten. Die Rehe und Hirsche nahmen die vollen Säcke mit und schütteten sie dann auf dem Nebeltuch aus. Frösche und Kröten kamen mit Fischschuppen und Perlmuttmuscheln, mit kleinen Perlen und Goldkörnern. Käfer, Schnaken und Mücken brachten schimmernde Flügelstückchen. Inzwischen waren nacheinander auf zwölf Füchsen zwölf goldäugige Elfen auf der Insel im Maunzenweiher angekommen. Sie wurden in Nebelkleider gehüllt und Lia gab ihnen Tau zu trinken, denn sie hatten brennenden Durst. Leon und Orbo trafen als Letzte ein. Wie zwei Sterne schwebten sie durch den nächtlichen Wald. Der Mond stand schon tief, bald würde er untergehen, die Zwölfte mahnte zum Aufbruch. Sie dankte den Tieren für ihre Hilfe, die Elfen schlugen das Nebeltuch mit dem Glitzerzeug zusammen, die Spinnen bissen die Fäden durch, die das große Netz an den Bäumen festhielten, die Elfen fingen es auf und legten es auf den Glitzerspiegelglimmerfunkelhaufen. Jetzt löste sich auch die Fledermaus von ihrem Ast und stieß lautlose Schreie aus, die nur Fledermäuse hören konnten. Die Nebelelfen hatten inzwischen die Flussnebel zu einer dicken, schweren Wolke zusammengeschoben, der Nachtwind, von der Zwölften herbeigepfiffen, hatte sie aufgehoben und zu dem Weiher gebracht, und nun wurde sie beladen mit der Tauschale und mit dem großen Ballen, auf den die Zwölfte etwas Feenstaub gestreut hatte, damit er so leicht wurde wie eine Feder. Sie bestieg das Wolkenschiff, die Elfen alle sprangen hinterher, der Oberelf blieb als einziger winkend zurück, um den Wald zu hüten, der Nachtwind trug die Wolke, die von vielen, vielen Fledermäusen umflattert wurde - und immer noch kamen Neue dazu -, der Nachtwind trug die Wolke zum Fluß und bis zu der Brücke, die dem großen Bahnhof am nächsten war. Dort hüllte sie, wie dicker Nebel, alles ein, sodaß weder Mensch noch Tier und schon gar kein Olch sehen konnte, wie die Fledermäuse verschwanden und wie die Elfen, voran Orbo und Leon, am Ende des Zuges Lia und die Zwölfte mit dem Sonnenbrot, die Treppe betraten, die die Zwerge in einen der Brückenpfeiler gehauen hatten und die tief, tief unter die Erde führte und in einem Gang endete, in dem es vollständig finster war. Am Fuß der Treppe wartete das Zwergenweiblein, das, wie die Elfen wohl wussten, eine der fünf weisen Zwerginnen war, die den Zwergenkönig beraten und das Kirataua genannt wurde. Kirataua ließ ein wenig Licht aus ihrer Laterne auf ihr Gesicht fallen und flüsterte leise, leise mit Orbo und Leon. Alles war vorbereitet. Die Fledermäuse hingen im Olchsfestsaal an der Decke und warteten, die 13 mal 7 Olchswachen waren von Zwergen umstellt, die die Olche, die sich so sicher fühlten, daß sie auf ihren Posten fast eingeschlafen waren, mit ihren Blendlaternen auf das Zeichen der Zwölften hin lähmen würden. 13 mal 7 Elfen wurden, jeder mit einer Krume Goldbrot losgeschickt. Leon, Orbo, Lia und die übrigen Elfen, angeführt von der Zwölften und Kirataua schlichen, die Tauschale und den dicken Sack mit Spinnennetz und Glitzerzeug zwischen sich, bis zum Versammlungsraum der Olche, der riesig war, so groß wie der Maunzenweiher mitsamt der Insel. Die Lichtelfen mit ihren leuchtenden Augen hielten den Kopf gesenkt, um sich nicht zu verraten, die Nebel- und Nachtelfen aber nahmen jetzt das große Spinnennetz und schwebten damit, leise, leise, hinauf in das Gewölbe, wo die Fledermäuse kopfunter hingen und es festhielten. Jeder der Elfen hatte ein Beutelchen mit spiegelndem Glitzerzeug, das sie nun an dem klebrigen Netz befestigten, dicht wie ein Mosaik. Die Olche unter ihnen, berauscht von dem Trank des Vergessens, grölten und knurrten und merkten nichts. Da ließ ein Elf ein kleines Metallstück fallen. Es klirrte auf dem Steinboden. Für die Elfen klang es wie ein Donnerschlag, aber die Olche tranken unbekümmert weiter aus ihren schwarzen Bechern den schwarzen Wein. Das Netz, das an den Seiten des Saales bis auf den Boden fiel, wurde auch dort schnell mit Spiegelscherben besetzt. Dann rief die Zwölfte plötzlich: "LICHT!" und streute schimmernden Sternenstaub über die Olche. Die Zwerge öffneten ihre Blendlaternen, Leon und Orbo hielten die Leuchtkristalle hoch über ihre Köpfe, Elmsfeuerchen brannten auf den Köpfen der Nebelelfen, die Zwölfte aber hatte ihren Mantel abgeworfen und stand da, glänzend und blendend wie eine weiße Flamme. Und alle diese Lichter und dieser Glanz wurden vertausendfacht von dem Spinnennetz, das wie ein riesiger Spiegel mit tausend und abertausend Leuchtaugen von allen Seiten die Olche anstrahlte und gefangen hielt. Da gab es keinen Schatten, kein dunkles Plätzchen, wo sich die Olche hätten verkriechen können. Gelähmt lagen sie da, häßlich und schwarz. Aus den Gängen, in denen die Olchswachen gefangen worden waren, hörte man jetzt schon die Erlösungsschreie, und einer nach dem anderen wurden die Olche im Saal durch das Sonnenstaubbrot in Elfen zurückverwandelt. Lia mit den Goldhänden hatte gerade einen der Olche, die da auf- und übereinander in der Nähe des großen schwarzen Kessels lagen, in dem der Vergessenstrunk gebraut worden war - er war umgestürzt und sah aus, wie ein großer, schwarzer Soldatenhelm - Lia hatte gerade einem der dort liegenden Olche eine Sonnenkrume ins Maul geschoben und wollte die Elfe begrüßen, die da aus Flammen und Rauch auf sie zukam. Sie hob ihr Kleid ein wenig, denn da hatte sich eine klebrige Pfütze ausgebreitet, als sie plötzlich fühlte, wie eine Hand nach ihrem Fuß griff, eine hässliche, krallige Olchshand, die unter dem Kessel hervorkam. Sie schrie, aber wer würde sie hören, hier, wo aus tausend Kehlen Schreie kamen. Die schrecklichen Klauen ließen sie nicht los, sie zogen sie durch die eklige, stinkende Pfütze immer näher zum Kessel. Lia glitt aus und fiel, sie konnte sich nicht wehren, nicht einmal mehr schreien. Aber einer hatte sie gehört, und das war Leon, der Blauhaarige, der schnell wie ein Pfeil heranflog, den Kessel beiseite warf, als wäre er eine Eierschale und mit seinem Leuchtkristall auf die schwarze Pfote hieb, die Lias Bein festhielt. Und dann stürzte er dem Wesen nach, das in einem Loch im Fußboden verschwand, als es mit einem Wutschrei Lias Bein fahren liess. Es gab da einen Geheimgang, von dem Orbo nichts gewusst hatte und auch die Zwerge nicht, und der Olch, der da vor Leons Licht floh, der größte und schrecklichste, den je ein Elf gesehen hat, kannte sich hier gut aus. Da gab es geheime Falltüren, die sich unter des Blauelfen leichtem Tritt plötzlich öffneten, schwarze Messer, die aus den Wänden fuhren, Netze, die von der Decke fielen, aber Leon schien das alles vorauszuahnen. Nichts konnte ihn aufhalten, und schließlich erreichte er den Olch, riss ihm die Binde ab, die der sich vor die Augen gelegt hatte und leuchtete mit seinem Kristall direkt in die Olchsaugen hinein, in Augen, die nicht schwarz und stumpf waren wie bei den anderen Olchen, sondern rot und böse funkelten. Und obwohl das Licht dem Olch wehtat, lähmte es ihn nicht, und mit einem gewaltigen Hieb seiner Tatzen schlug er dem zarten Elf den Kristall aus der Hand, der in eines der Löcher fiel, die sich im Boden aufgetan hatten. Und dann packte er nach Leon. Aber der war schon längst hochgesprungen und hielt sich an einem Eisenhaken, der in der Decke befestigt war, fest. Leon, der Lichtelf, der allein mit seinen goldenen Augen die Olchshöhle erleuchten konnte, Leon, der Listige, sah sich ruhig um, denn hier oben konnte der Oberolch, denn das mußte er sein, ihm nichts anhaben. Schwarzer, stinkender Moder überall. Leon schüttelte sich vor Ekel, und etwas von dem Feenstaub, den die Zwölfte ausgestreut und der sich in seinem Haar gefangen hatte, rieselte auf den Olch, der vor Schmerzen aufjaulte und dessen Haut große Blasen bekam und der nun nach einem langen schwarzen Schwert griff, das an der Wand lehnte. Aber Leon war schneller. Er war ja ein Lichtelf! Und alle Sonnenkraft, die in ihm war brach aus dem Finger, mit dem er das Schwert berührte, gerade als der Olch danach griff. Da wurde es weißglühend, der Olch jaulte wieder, und da warf ihm Leon das Sonnenkrümchen, das er die ganze Zeit fest in der einen Hand gehalten hatte, ins Maul. Kaum war das geschehen, schien eine gewaltige Kraft den Olch hochzuheben. Er durchbrach die Decke des Ganges, als sei sie aus Glas. Er wurde riesengroß, bekam Stacheln und Hörner und stieß mit seinem Kopf fast an die Decke des Olchpalastes. Flammen schlugen aus Nase und Maul. Er wollte die Elfen greifen und zerreißen, aber da stand die Zwölfte und wuchs, wurde eine klare, helle Flamme, nein nicht eine, tausende, denn die Spiegel warfen ihr Bild tausendfach zurück, und dann hob sie die diamantene Schale mit dem Tau hoch über ihren Kopf und schüttete ihn über das Ungetüm. Der Oberolch fiel in sich zusammen, die Olchshaut kräuselte sich und löste sich auf, eine schwarze Rauchwolke stieg auf, und Russflöckchen schneiten auf den Boden, und das war alles, was von dem großen Olch übrigblieb. Die Zwölfte sammelte den Ruß auf, Flöckchen für Flöckchen, Stäubchen für Stäubchen und übersah keines. Und den Ruß legte sie in Lias goldene Hände, und kaum hatten die die Asche berührt, da wurde sie schneeweiß. "Nun ist es gut!" sagte die Zwölfte. Oder sang sie es? "Streu die Asche hier auf den Boden und sieh zu, was geschieht." Und die Asche legte sich wie ein glänzender Teppich über die schwarzen Steine, die klebrigen Pfützen verschwanden, der Kessel war auf einmal golden und mit feinen Bildern geschmückt, das Spiegelnetz, das die Fledermäuse so getreulich festgehalten hatten, schmiegte sich von selbst an Wände und Decke und nun erkannte man erst, wie schön es war. Silberne und goldene Blumen sah man da, leuchtende Gestalten, Tiere und Elfen, die sich vor riesigen Spiegeln zu bewegen schienen. Es war der schönste Saal, den man sich denken kann, und er schien sich auszudehnen. Große Flügeltüren öffneten sich auf Säulenhallen und glänzende Gemächer, alles war durchweht von Rosenduft, und die Elfen und die Zwerge und die Fledermäuse feierten hier ein großes Fest mit Tanz und Gesang bis der Morgen dämmerte. Nur Lia und Leon, Orbo und die Zwölfte blieben nicht lange. Die Zwölfte war müde. Sehr müde. Sie würde wohl hundert Jahre schlafen müssen, aber das konnte sie nun ohne Sorge tun, denn Lia, Leon und Orbo würden wachen.
Sie nahmen die Tauschale und den Leuchtkristall und flogen, vom Nachtwind getragen, zurück zu der Insel im Maunzenweiher, wo Kirataua und der Oberelf sie schon erwarteten. Kirataua hielt einen Leuchtkristall in den Händen. Leons Leuchtkristall, der beim Kampf mit dem Großen Olch ins Bodenlose gefallen war. Nicht ganz ins Bodenlose: Die Feuerzwerge hatten ihn aufgefangen, denn er war direkt in eine ihrer Schmieden gestürzt. Orbo wollte ihr auch seinen Leuchtkristall geben, aber sie nahm ihn nicht an. "Der Zwergenkönig läßt euch grüßen. Ihr sollt die Kristalle behalten. Verwahrt sie gut! Wer weiß, wozu ihr sie noch einmal braucht!" Damit überreichte sie Leon den Kristall und verschwand. Die Zwölfte umarmte Lia und strich ihr übers Haar, das von dem Olchswein, durch den sie geschleift worden war, ganz verklebt war, und gleich glänzte es heller als je zuvor, sie zog aus ihrer Tasche einen goldenen Reifen, der mit einem Stern geschmückt war und setzte ihn Leon auf die blauen Locken, sie nahm Orbo, ihren Sohn, bei der Hand und flog mit ihm in ihr Buchenstübchen, denn bevor sie sich ausruhte, wollte sie seine Olchsgeschichte hören. Und jetzt rief Leon alle Nachttiere herbei, jedes in seiner Sprache und erzählte ihnen von dem großen Kampf und dankte ihnen. Er verbeugte sich vor dem Oberelf, der da immer noch würdig mitten auf der Insel stand und nicht recht begriff, was vor sich ging, und lächelte ihn an: "Kein Olch wird mehr beim Mondstrahlrutschen stören. Komm, Lia!" Und er fasste die Goldhändige, die
Federhaarige, zog sie mit sich und kletterte mit ihr auf einem
Mondstrahl, denn der Mond war noch nicht untergegangen, hoch, hoch bis
über die Wolken, und dann setzte er sich rittlings auf einen
Strahl, der weit weit im Süden, wo etwas blau glitzerte, auf der
Erde aufkam und sauste, die lachende Lia vor sich, dem Blautopf
entgegen. Und natürlich könnte ich Dir noch
viel von Leon, dem Mondstrahlrutscher und von Lia mit den
goldenen Händen erzählen, und vielleicht tu ich es eines
Tages. Aber der Mond geht unter, Lia und Leon liegen schon in ihren
Rosenbetten im Elfenkönigsschloss an der Quelle der Blau, und ich
muß auch ein bisschen schlafen. Gute Nacht!
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